Regelmäßiger traditioneller Höhepunkt des Logenlebens stellt die sog. Tempel- oder Logenarbeit dar, die i. d. R. einmal pro Monat stattfinden. Das hierbei in Form einer theatralischen Inszenierung zelebrierte, in der Grundstruktur über Jahrhunderte nahezu unveränderte maurerische Ritual, amalgamiert formale Elemente aus dem Brauchtum der Steinmetzen, höfischen Zeremoniells und kirchlicher Liturgie, ohne dabei jedoch den einzelnen Maurer auf bestimmte religiöse Inhalte oder metaphysische Glaubenssätze zu verpflichten.
 
Das maurerische Ritual ist vielmehr die theatralische Umsetzung und Visualisierung bestimmter Ideen und Normen kraft traditioneller Symbolik, in der die philanthropische ethische Konzeption des Bundes sichtbar gemacht und im Bewußtsein des Maurers lebendig gehalten werden soll; analog zur aristotelischen Überlegung, daß der Mensch nicht allein durch intellektuelle Reflexion sich zum Besseren entwickle, sondern daß es hierzu ebenso des gewohnheitsmäßigen Einübens bedarf. So bietet die Tempelarbeit Anregungen, sowohl die individuelle Kontemplation zu fördern, als auch die Gruppenidentität durch gemeinsames Erleben und die wechselseitige Versicherung der freimaurerischen Grundsätze zu stärken.
Tempelarbeiten finden in drei unterschiedlichen Graden, dem Lehrlings-, Gesellen- und Meistergrad statt. Die symbolischen, der handwerklichen Tradition entlehnten Grade versinnbildlichen dabei die inneren Entwicklungsstufen, die ein Freimaurer im Laufe seines maurerischen Lebens durchläuft. Während der Lehrlingsgrad sich zentral mit der der Selbsterkenntnis beschäftigt und dabei der Frage nachgeht, wie aus dem symbolischen unvollkommenen "rauhen Stein" ein behauener Stein werden kann, der sich in das gemeinsame symbolische Bauwerk einfügt, verfolgt der anschließende Gesellengrad vornehmlich die Frage des sozialen Verhaltens und des rechten Handelns. - Der Meistergrad schließlich thematisiert die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens.
 
Den Festsaal, in dem das skizzierte Ritual zelebriert wird, nennen wir Freimaurer traditionell "Tempel", in metaphorischer Anlehnung an das biblische Bild vom Salomonischen Tempel, dessen Konstruktion von den Freimaurern als Sinnbild eines "Baus am Tempel der Humanität" interpretiert wird.
 
Der Feierlichkeit des Ereignisse angemessen, tragen Freimaurer zur Logenarbeit eine bestimmte traditionell festliche Bekleidung. Diese besteht heute u. a. aus einem dunklen Anzug oder Smoking, dem Schmuckabzeichen der jeweiligen Loge, dem sog. "Bijou", einem symbolischen Maurerschurz, weißen Handschuhen und dem in vielen Logen, so auch in Erlangen, noch üblichen sog. "hohen Hut", einem Zylinder.
 
Dem Außenstehenden mag dieses Ornat möglicherweise zunächst befremdlich oder zumindest nicht mehr ganz zeitgemäß erscheinen. Es sei zudem eingeräumt, daß ohne entsprechende inhaltliche Erläuterung die Gefahr besteht, daß die freimaurerische Bekleidung im Sinne elitärer Affektiertheit mißverstanden wird. Tatsächlich jedoch deuten die einzelnen Bestandteile vielmehr auf bestimmte moralische und ethische Kernaussagen des freimaurerischen Humanitätsgedankens hin.
 
So ist der "hohe Hut" nicht etwa, wie man durchaus vermuten könnte, ein elitäres sondern vielmehr ein egalitäres Symbol. Das tragen eines festlichen Hutes war in der europäischen Gesellschaft über lange Jahrhunderte ein ständisches Privileg - nur der Herr durfte einen Hut tragen, wärend Knappe, Knecht und Diener sich mit einer weniger vornehmen Kopfbedeckung, etwa einer Kappe begnügen mußten. In der Loge hingegen war jedem Bruder ungeachtet seines Standes das Tragen eines Hutes gestattet. Im Tragen eines Zylinders, als dem letzten festlichen Hut, den die europäische Gesellschaft hervorgebracht hat, wird diese Standesunterschiede nivellierende Geste mit konkretem sozialgeschichtlichen Hintergrund tradiert. Dies ist auch heute noch als Aufforderung zu verstehen, daß sich Freimaurer stehts als gleichberechtigte Brüder anerkennen und sich unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Stellung auf gleicher Ebene - in der Symbolsprache der Maurerei "auf der Wasserwage" - begegnen sollen.
 
Schurz und Handschuhe hingegen sind Symbole der tätigen Arbeit. Dient das maurerische Ritual auch in erster Linie der inneren Sammlung und Kontemplation, so weist sein eigentliches Ziel doch über den Festakt hinaus. Schutz und Abgeschiedenheit des Tempels sind kein Selbstzweck, keine Flucht aus der Welt, sondern gleichsam Rückzug auf Zeit, um dem Einzelnen Gelegenheit zu gebeben, die Beweggründe seines Handelns an den durch die Mitgliedschaft in der Freimaurerei postulierten ethischen Normen für sich selber beständig zu überprüfen, durch die erlebte Harmonie der Gruppe zu stärken oder gegebenenfalls zu korrigieren. Die weiße Farbe von Schurz und Handschuhen weisen dabei auf den hohen ethischen Maßstab hin, den der Maurer sich selber und seinem Handeln unterworfen hat, denn das reine Weiß läßt die Spuren und Handlungsfolgen unmittelbar sichtbar werden. Nur die ethische Reinheit der Handlungen in der "profanen" Lebenswelt des einzelnen gewährleistet, daß Schurz und Handschuhe ihre ursprüngliche symbolisch reine Farbe bewahren.
 
Tempelarbeiten sind demnach dramatische Inszenierungen mit dem Zweck, dem Einzelnen und insbesondere dem neu aufzunehmenden Mitglied, bzw. dem Maurer beim Übergang vom Lehrling zum Gesellen und vom Gesellen zum Meister, die freimaurerischen Prinzipien und zugrundeliegenden moralischen Werte in einer überlieferten, Verstand und Gefühl in gleichem Maße ansprechenden Weise mit Hilfe von Symbolen und Allegorien mitzuteilen. Der Umstand, daß ein jeder, der sich nach reiflicher Selbstprüfung entschließt dem Bund der Freimaurer beizutreten, ein bestimmtes, für alle gleiches Aufnahmeritual durchlaufen muß, stärkt dabei von Anfang an die gemeinsame Identität innerhalb einer Loge, wie des weltumspannenden Bundes, und versinnbildlicht die Gleichheit der Brüder untereinander, unabhängig davon welchen Platz bzw. welche Funktion sie in der "profanen" Welt ausfüllen mögen.
 
Getragen wird die Dramaturgie des Rituals durch ein festgelegtes Wechselgespräch zwischen dem Meister vom Stuhl (dem Vorsitzenden der Loge) und den sog. "Beamten", d. s. einzelne Brüder, die im Rahmen der Tempelarbeit eine bestimmte Funktion ausüben, etwa die des Zeremonienmeister oder des ersten und zweiten Aufsehers. Traditioneller Weise wahren Freimaurer Stillschweigen über detailierte Form und Inhalt des Rituals. Das Ritualerlebnis selber wird daher auch als freimaurerisches "Geheimnis" umschrieben, obgleich es inhaltlich wenig Spektakuläres enthält. Das Geheimnis ist vielmehr die Intensität des psychischen Erlebens, welches ohnehin nur bruchstückhaft mitzuteilen wäre.
 
Das vom neuaufgenommenen Freimaurer bei seiner Aufnahme geforderte Versprechen: "Verschwiegenheit zu bewahren über die inneren Angelegenheiten der Maurerei" ist daher in erster Linie die theatralische Bewußtwerdung des moralischen Wertes vertrauliche Informationen im Allgemeinen gewissenhaft zu bewahren und eingegangene Versprechen zu halten. Ein weniger moralischer, aber dennoch unmittelbar einleuchtender Grund, Ritualinhalte nicht nach außen zu tragen, liegt darin, daß die Intenstät des emotionalen Erlebens einer Aufnahme wesentlich geringer ausfallen würde, wenn gleichsam das "Drehbuch" dem Aufzunehmenden im Vornherein bekannt wäre. Nichts desto weniger, sind freimaurerische Rituale unzählige Male "verraten" und öffentlich gemacht worden. Nahezu jede Universitätsbibliothek kann daher entsprechende Neugierde entweder aus dem eigenen Bestand oder über Fernleihe befriedigen.

Nach außen hin hat uns Freimaurern die selbstauferlegte Verschwiegenheit nich selten den Vorwurf eingegebracht eine "Geheimgesellschaft" zu sein. Eine Einschätzung, die sicherlich nur dann zuträfe, wenn man konsequenter Weise jede andere Institution, sei es ein Verein, eine Partei oder ein Wirtschaftsunternehmen, welches nichtöffentliche Sitzungen abhält in gleicher Weise klassifizieren würde. Ansonsten sind Logen i. d. R. eingetragenen Vereine, deren Satzungen dem Vereinsgesetz unterliegen und deren gewählte Vertreter im Vereinsregister eingesehen werden können. Jedem Freimaurer steht es frei, offen über seine Mitgliedschaft zu reden und die Versammlungsorte der Logen - insbesondere, wenn sie über ein eigenenes Haus verfügen, sind öffentlich bekannt. 

Die Freimaurerei behauptet zudem nicht, daß die in den Tempelarbeiten vermittelten Werte in irgend einer Form exklusiv seien. Vielmehr sind es die allgemeinen Grundsätze der humanistischen Tradition der Aufklärung, mit ihrem die Freiheit und Verantwortung des Individuums stärkenden emanzipatorischen Anspruch, der jedoch nicht übersieht, daß der Mensch als soziales Wesen der Unterstützung durch andere und der Zuwendung zu für ihn wesentlichen Bezugsgruppen bedarf. Neben Familie, beruflichem Umfeld oder der Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft, versteht sich die Loge als eine dieser lebensweltlichen Bezugsgruppen. Freimaurerei und Tempelarbeit sind daher als ein Weg unter vielen zu interpretieren, den genannten Idealen ein Stück weit näher zu kommen.
 
Dabei tritt die Freimaurerei in keiner Weise in Konkurrenz zu Kirche und Religion. - Religionen bieten umfassende Weltinterpretationen, die ihrer Natur nach exklusiv sind, d. h., die sich auch bei teilweise identischen Inhalten doch in bezug auf den postulierten Wahrheitsgehalt gegenseitig ausschließen. Die Idee der Freimaurerei hingegen ist weitgehend universalistischer Natur - soweit man ihrer antropologischen Grundlage eines humanistischen Menschenbildes mit den hieraus ableitbaren ethischen Handlungsanweisungen zustimmt. Anders als Religionsgemeinschaften und Kirchen, kennt die Freimaurerei keine theologische Doktrin, spendet keine Sakramente und verspricht keine Erlösung in einer jehnseitigen Welt. Ihr Wirkungsbereich beschränkt sich auf das Diesseits. Gerade weil das Bekenntnis zur Freimaurerei ein Werturteil darstellt und keinen religiös-metaphysischen Glaubenssatz sind wir in der Lage, über die Grenzen der Religionen und ideologischen Dogmen hinweg in unseren Tempelarbeiten für eine humanere Welt zu argumentieren. 

In diesem Sinne kann die Tempelarbeit auch als Instrument verstanden werden, die friedliche Koexistenz unterschiedlicher Konfessionen und Überzeugungen in einer pluralistischen Welt zu fördern. - Nicht Normenbegründung ist unser Ziel, sondern das Bestreben, bestimmten ethischen Normen Geltung zu verschaffen. Zu allen Zeiten waren Freimaurer daher von der optimistischen Überzeugung beseelt, daß das, was Menschen verbindet, stärker sei als das Trennende. Die Tempelarbeit gibt dieser Hoffnung in Form einer dramatischen Inszenierung Ausdruck.